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February 15, 2012

Schwammige Rechtssicherheit

Filed under: Paranoia — Tags: — martin @ 10:00 pm

Seit die einen angefangen haben, gegen ACTA zu demonstrieren, kommen die noch viel wichtigeren Strategen ans Tageslicht: Kommentatoren, die herausarbeiten, daß ACTA ja in Wirklichkeit total schwammig ist, und die aufgrund dessen vorhersagen, daß alles schon nicht so schlimm kommen wird, wie die linksalternativen Spinner es uns einreden wollen.

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Auf ganz unangenehme Weise fühle ich mich an die Sache mit dem Hackerparagraphen erinnert. Im Jahr 2008 berichtete ich an dieser Stelle über eine Podiumsdiskussion, die ich zu dem Thema hatte beobachten dürfen:

Die Verhältnismäßigkeiten der Absätze des §202a/b/c seien inkonsistent und “so schlecht gemacht, daß jeder Verteidiger seinen Mandanten problemlos rausboxen kann.” [...] Ein Zuhörer fragte, ob einem solchen Verfahren nicht doch erstmal der Besuch der Polizei, früh um vier, und die Sicherstellung der ganzen Hardware vorausginge. Eine schwerwiegende Befürchtung, die mit den Worten entkräftet wurde: “Keine Angst. Die kommen nicht vor sieben.”

Das Juristengeschwurbel ist mit ein paar Jahren Abstand übrigens noch viel ärgerlicher, als es mir damals direkt nach der Diskussion erschien. Exakt das selbe, und da habe ich ein echtes Deja-Vu, findet bei dieser Relativierung von ACTA statt: Es wird schon nicht so schlimm kommen, ein guter Anwalt kann Dich eh rausboxen, und überhaupt, stell Dich mal nicht so komisch an.

Wenn es nach den Relativierern geht, kommen wir genau zur selben Situation, an die wir uns beim Hackerparagraphen bereits gewöhnt haben: Alle machen weiter wie gewohnt, aber zur bestimmten Zeit, an der bestimmten Stelle, können die aufgrund von ACTA verschärften Gesetze gezielt genutzt werden, um eine bestimmte Person, eine bestimmte Webseite oder eine bestimmte Software einzukassieren. Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen, all das.

Wenn wir also nicht den Überwachungsstaat bekommen, bekommen wir Rechtsunsicherheit, bei der über jedem einzelnen das Damoklesschwert schwebt, daß es ihn als nächstes erwischen könnte.

Ist das die Sicherheit eines freien Bürgers in einem Rechtsstaat? Glaubt ihr das? Ich glaube das nicht.

January 24, 2012

Sowas macht man nur, wenn man wirklich was zu verbergen hat

Filed under: Paranoia — Tags: — martin @ 9:00 pm

Ach ja, an dieser Geschichte war ich die Tage noch hängengeblieben. Den Autoren des letzten MDR-Tatort seid ihr für praktisch jede Schandtat verdächtig genug, wenn ihr in eurem MacOS-Finder die Option “Papierkorb sicher entleeren” setzt:

Der Verdächtige im Tatort wollte nicht, daß die Polizei im Fall einer Hausdurchsuchung seine augenscheinlich eher zahme Sammlung von Schmuddelbildern findet. Der öffentlich-rechtliche Sender macht dem Zuschauer der Vollständigkeit halber klar, welche Sicherheitsmaßnahmen er auf seinem PC zu unterlassen hat, wenn er nicht unnötig in Verdacht geraten will. Und zwar so:

“Bernd der Baumeister hat vor einigen Tagen etliche Fotodateien von seinem Computer gelöscht. Und er hat dafür eine Software benutzt, die das Wiederherstellen der gelöschten Dateien unmöglich macht.” – “Sowas macht man nur, wenn man wirklich was zu verbergen hat.”

Ist das nur so dahingeschludert, oder ist das schon gezielte Manipulation durchs Staatsfernsehen?

Manchmal wünschte ich mir schon ein bisschen mehr Interesse für die Technik. In diesem Sinne: Immer schön “sicher löschen” und die Festplatte verschlüsseln!

November 26, 2011

IPv6 und Datenschutz

Filed under: Paranoia — Tags: — martin @ 9:27 am

Und nochmal, weil ich das grade so schön auf einer Zeitungswebseite als Kommentar eingetippt habe:

Die dynamische IP-Adresse wurde seinerzeit nicht als Datenschutzmerkmal etabliert, sondern vordergründig, um IP-Adressen zu sparen und hintergründig, um den Betrieb von Serverdiensten an der DSL-Leitung zu erschweren. Diejenigen, die das größte Interesse an dynamischen IPv6-Präfixen haben, sind folglich die DSL-Anbieter selbst.

Wenn sich Datenschützer dieser Forderung anschließen, haben sie sich lediglich auf die falsche Ebene treiben lassen. Was uns heute fehlt, ist ein wirksamer Datenschutz bei Dienstebetreibern im Internet, der nicht durch Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen unterhöhlt werden kann.

October 21, 2011

Update: Booten vom verschlüsselten USB-Stick

Filed under: Paranoia — Tags: , , — martin @ 9:02 pm

Also, die Sache mit den USB-Sticks von Lok-IT war sicher eine tolle Idee, das Problem ist aber, daß man de-facto nicht von ihnen booten kann funktioniert.

Grub, Kernel und initrd werden zwar geladen. Leider erfolgt innerhalb der initrd aber scheinbar ein Reset des USB-Systems. Ein normaler USB-Stick holpert da irgendwie drüber (das funktioniert mit /boot auf dem Stick problemlos), aber der Lok-IT sperrt sich sicherheitshalber automatisch.

Das ist schade, aber kein Beinbruch. Das letzte Wort wird da auch hoffentlich noch nicht gesprochen sein.

Es trifft zu, daß der USB-Bus beim Hochfahren zurückgesetzt wird und sich der Stick in diesem Moment aus Selbstschutz sperrt. Das ist aber überhaupt kein Problem. Man muß lediglich in /etc/fstab dafür sorgen, daß das System beim Hochfahren nicht versucht /boot zu mounten oder zu checken. Beide Daumen nach oben für meinen unknackbaren Terrorlaptop! :-)

Und, nein, es wird kein HOWTO dazu geben. Wer dafür ein Kochrezept braucht, sollte besser die Finger davon lassen.

January 27, 2011

Goodbye Facebook

Filed under: Paranoia — Tags: — martin @ 1:24 pm

Aaron writes:

“I get bombarded with game requests all the freaking time, and clearing them out is like cleaning spam out of your email inbox. Of all the old friends that I’ve gotten in touch with on the site, what has happened over the years? Nothing. So, what was the point?”

What Facebook has taught me, is: My relative’s lives on the web are utterly uninteresting. They are ignorant of many many things that I consider important. They never get beyond playing stupid Facebook games. And while they never publish anything, they go to family celebrations and chat about the things that I published, in non-favourable ways.

Thank you very much.

My Facebook profile has been emptied at the beginning of January 2011. I’m still going to need the account for a while, because my Cydia purchases’ licenses are tied to it, but unless absolutely required, I’m not going to log in anymore.

I have made actual, real-life friends through blogging and Twitter. Before that, through mailing lists. And before that, through BBS systems. You know who you are. Facebook Friends, on the other hand? I doubt there’s even one who has noticed my disappearance at all.

January 19, 2011

Vom Naturrecht auf anonyme IP-Adressen

Filed under: Paranoia — martin @ 11:45 am

Seit ich IPv6 benutze, nagt die Frage an mir, wie wir eigentlich jemals auf die Idee gekommen sind, daß wir eine Art Naturrecht darauf haben, bei jeder Einwahl ins Internet eine “anonyme”, immer andere IP-Adresse zu bekommen, und daß obendrein der Provider sich am besten nicht merken sollte, welchem Kunden er wann welche IP zugewiesen hat.

Über die Steinzeit des Internet, an irgendwelchen Forschungseinrichtungen, kann ich nicht viel sagen. Aber ich kann sagen, daß ich nach meinen ersten Schritten mit Compuserve & Co. während eines großen Teils der 1990er Jahre mal mehr, mal weniger statische IP-Adressen (einmal sogar ein komplett geroutetes Subnetz) bei den damals noch üblichen örtlichen Providern hatte. Auf die Idee, daß man mich bei Straftaten nicht aufgrund meiner IP würde ermitteln können, wäre ich niemals gekommen.

Um 2000 ging es dann mit der berüchtigten ISDN-Flatrate von T-Online los. Ab da hatte ich keine auch nur in gewissem Rahmen vorhersagbare IP-Adresse mehr. Spätestens als kurz darauf DSL kam und die Leitungen verhältnismäßig schnell waren, regte sich Protest im Web darüber, daß es sich bei dynamischen IPs um ein reines Instrument der Provider handelte, um den Betrieb von Servern an der nun vorhandenen “Standleitung” zu unterbinden. Wir alle kennen die in dieser Zeit groß gewordenen Workarounds mit DynDNS und seinen Freunden.

Im nächsten Augenblick kamen dann Napster und der vermeintliche Niedergang irgendwelcher Content-Industriezweige, und damit sind wir schon zu 100% bei den Verhältnissen, die heute, 10 Jahre danach, herrschen.

Heute steht die Einführung von IPv6 unmittelbar bevor. Ich benutze einen IPv6-Tunnel bei SixXS. Wenn jemand die dynamisch per IPv6 Privacy Extensions generierte IPv6-Adresse eines Notebooks, das an meinem LAN angeschlossen ist, über whois nachschlägt, steht sofort mein Name auf dem Bildschirm. Ohne Privacy Extensions würde jeder Kommunikationspartner sogar die Hardwareadresse meines Endgeräts sehen. Das ist die IPv6-Welt, und jedes Gerät individuell adressierbar zu haben, ist ja auch objektiv betrachtet eine tolle Sache. Die Verhältnisse aus den 1990ern, als ich mein kleines Subnet hatte, sind wieder hergestellt: Ich muß nur einen Port auf der Firewall öffnen und kann mich dann von überall aus per SSH auf meine Workstation verbinden, ohne mich mit irgendwelchem schäbigen NAT-Gefrickel abmühen zu müssen.

Gleich danach kommt aber schon die Frage: Was passiert eigentlich, wenn mein DSL-Provider endlich anfängt, natives IPv6 anzubieten? Wie wird man diesmal, wo ich immerhin schon schlappe 5 Megabit Uplink habe, versuchen, den Betrieb der DSL-Leitung als “Standleitung” zu unterbinden? Die Vergabe dynamisch zugewiesener IPv6-Blöcke, aus denen die IPs dann vom DSL-Router per Autokonfiguration auf die angeschlossenen Endgeräte zugewiesen werden, wäre ja technisch überhaupt kein Problem. Aber das will doch eigentlich niemand. Oder wollen das vielleicht die Datenschützer? Und wenn sie es als einzige wollen, wer ist es, der mir heute zum zweiten mal die Nutzbarkeit der Internetanbindung einschränken will? Der DSL-Provider, oder die Datenschützer? Was treibt uns dazu, die Provider-Schikane mit wechselnden IP-Adressen plötzlich mit Datenschutz zu verwechseln?

Das ist eine Zuspitzung. Datenschutz ist genau mein Ding. Die Speicherung von Verbindungsdaten auf Vorrat ist eine klare Kriminalisierung der gesamten Bevölkerung. Aber ich glaube, daß die Zuordnung zwischen einem DSL-Router und seiner IP-Adresse, die er an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit hatte, seriöserweise nicht geheim gehalten werden kann. In dem Moment, wo der Versuch, sie irgendwie geheim zu halten, für mich zu Nutzungsbeschränkungen (wie eben wechselnden Adressen) führt, beschleicht mich der Gedanke, daß sie nicht im Fokus des Datenschutzes stehen sollte.

In den 1990ern mußte ich keine Angst vor Strafverfolgung aufgrund meiner IP-Adresse haben. Genau genommen, brauche ich das auch heute nicht. Kinderporno, Drogenhandel, Terrorismus, Erpressung, Vorschuß- und Auktionsbetrug und was auch sonst immer verboten ist, sind Dinge, die ich nicht auf der Agenda habe, und die 1995 schon genauso verboten waren, wie sie es 2011 sind. Trotz der Beteuerungen idiotischer Politiker, die bis heute darauf pochen, daß das Internet noch immer ein rechtsfreier Raum sei.

Ich wünsche mir ein Internet, in dem meine Bürgerrechte zählen und geschützt werden. Eine Gesellschaft der ich meine Meinung frei äußern kann, ohne damit rechnen zu müssen, daß mich eine Firma erfolgreich abmahnen kann, weil ich kein Budget für Anwälte habe. In der ich programmieren kann, ohne Angst vor Patentklagen haben zu müssen, die von keiner Rechtsschutzversicherung abgedeckt sind. In der ich mich mit IT-Sicherheit beschäftigen kann, ohne auf alberne “Hackerparagraphen” schielen zu müssen. In der ich einen Unbekannten kurz meinen Internetanschluß benutzen lassen kann, ohne als “Mitstörer” bezichtigt zu werden. Eine Gesellschaft, in der meine Schwiegermutter ihrem Enkel die Privatkopie einer MP3-Datei geben kann, ohne damit rechnen zu müssen, daß sie bei weiterer Weitergabe aufgrund eines darin enthaltenen, geheimen digitalen Wasserzeichens mit einer Urheberrechtsklage überzogen wird.

(Hoppla! Da wären wir dann auf einmal wieder beim Internet des Jahres 1999. Wer hätte das gedacht?)

Wenn der Staat mich nicht vor diesen Umständen schützen kann, sondern sie sogar vorantreibt (“rechtsfreier Raum”), und die private Meinungsäußerung im Internet am liebsten abgeschafft sähe; welches Vertrauen soll ich dann in den Datenschutz der Zuordnung zwischen meiner IP-Adresse und meinem DSL-Zugang haben?

Dieses kleine Krümelchen Datenschutz ist vollkommen wertlos und lenkt nur vom Thema ab. Laßt mich damit in Ruhe und nehmt mir nicht schon wieder das Spielzeug weg!

September 26, 2009

Explosiver Darminhalt

Filed under: Paranoia — martin @ 7:39 pm

SpON schreibt über einen Attentäter, der die Bombe im Dickdarm versteckt hatte. Im Artikel wird schon beinahe die Terror-Apokalypse beschworen. Ich bin dagegen fast schon froh, daß es jetzt endlich so weit gekommen ist, wie ich es schon vor Jahren prophezeit habe. Alle Szenarien, alle Sicherheitsmaßnahmen, alle Überwachung sind gegen derart entschlossene Täter vollkommen sinn- und wirkungslos.

Vielleicht kommt dann ja irgendwann mal einer auf die Idee, zu hinterfragen, was einen Menschen überahaupt dazu treibt, sich Sprengstoff in den Arsch zu schieben. Das wäre vielleicht die größte Chance in der Geschichte des Post-9/11-Terrorismus.

September 4, 2009

Das Internet ist ein rechtsfreier Raum.

Filed under: Internet, Paranoia — Tags: , — martin @ 6:08 pm

Mal ganz im Ernst. Im Internet kann man aufgrund der Ausübung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung oder aufgrund der Erstellung einer Privatkopie eines Musikstücks mit Zivilklagen überzogen werden, die nicht nur einen selbst im Jetzt ruinieren werden, sondern aufgrund derer die Nachkommen auch in 50 Jahren noch das Erbe ausschlagen werden.

Das Internet ist ein Raum, in den der Rechtsstaat gerade einmal so weit hineinragt, daß Behörden, Konzerne und Anwälte den kleinen Mann mit seinem Weblog massiv schikanieren können. Die großen selbst sind unantastbar. Allenfalls in Einzelfällen können Massen mobilisiert werden, die auf dem Umweg über negative Publicity die “großen” dazu bewegen können, mühsam so weit zurückzurudern, wie unbedingt erforderlich.

Das Recht ist auf der Seite dessen, der Geld und Macht hat. Man fühlt sich geradezu an feudalistische Verhältnisse erinnert. Die Machtgefälle zwischen “den Großen” und “den Kleinen” ist so gewaltig, daß man sich in seiner Klischeehaftigkeit schon fast am Stammtisch wähnt.

Das Internet ist ein rechtsfreier Raum. Ein grund- und bürgerrechtsfreier Raum. Und zwar heute mehr, als jemals zuvor in seiner Geschichte.

August 30, 2009

Wired, Juli 1997: The Long Boom

Filed under: Paranoia, Technology — Tags: , , — martin @ 12:19 pm

Beim Umziehen und Aufräumen fielen mir die Ordner mit archivierten Zeitschriften in die Hand. Zentnerweise Altpapier habe ich weggeschmissen. Ich wußte aber, daß sich irgendwo ein ganz besonderes Schätzchen verstecken müßte. Und tatsächlich:

thelongboom

Wir hatten 1997 ja nichts. Es gab kein Slashdot, kein Digg, keine Blogs, kein Twitter, keine Wikipedia. Na gut, wir hatten das Usenet. Google gab es übrigens auch noch nicht. Aber für den echt allerheißesten und visionären Shice gab es das Leitmedium WIRED. Erhältlich als Import am Bahnhofskiosk für 17 Deutsche Mark.

Im Juli 1997 werden in WIRED sensationelle technische Neuerungen beworben, wie z.B. der Apple Powermac 9600/200MP mit 2x200MHz. Auf vielen Werbebildern (und die gab es in WIRED wirklich im Überfluß) sieht man Röhrenmonitore, bei denen man sich fragen muß, wie die Statik gängiger Wohnungen das jemals ausgehalten haben kann.

WIRED stand auf jeden Fall an der Speerspitze so einer Art digitaler Revolution. Und WIRED sagte damals im Essay “The Long Boom” eine digitale Revolution voraus, die der Menschheit über Jahrzehnte Freiheit, Frieden und Wohlstand bringen würde.

Der Boom fällt aus. Das wissen wir hier in der “zivilisierten” Welt, und das wissen auch die ganzen armen Schweine in der dritten Welt, die heute so wenig zu beißen haben, wie vor 12 Jahren. Aber es kann ja auch sein, daß die ganzen Afrikaner eh nicht gemeint waren, als von “a better environment for the whole world” die Rede war. Davon, daß für jedes neue Gadget, das man sich kauft, ein Gorillababy abgemurkst wird, will ja auch keiner was wissen.

Auch WIRED wußte natürlich, daß möglicherweise doch nicht alles nach Plan laufen könnte und so wurden gleich “10 Scenario Spoilers” umrissen, die so genau den Nagel auf den Kopf treffen sollten, daß es heute schon fast erschreckend wirkt. Ich zähle mal nur die auf, die eingetreten sind:

2.
New technologies turn out to be a bust. They simply don’t bring the expected productivity increases or the big economic boosts.

3.
Russia devolves into a kleptocracy run by a mafia or retreats into quasicommunist nationalism that threatens europe.

6.
Major rise in crime and terrorism forces the world to pull back in fear. People who constantly feel they could be blown up or ripped off are not in the mood to reach out and open up.

8.
Energy prices go through the roof. Convulsions in the Middle East disrupt the oil supply, and alternative energy sources fail to materialize.

10.
A social and cultural backlash stops progress dead in its tracks. Human beings need to choose to move forward. The just may not…

Die Vorhersage über den “Long Boom” ist nicht eingetreten, aber die “Scenario Spoilers” haben den Nagel wirklich auf den Kopf getroffen. Herzlichen Glückwunsch dazu. :-(

August 3, 2009

Schlecht gewartet: Das Netz.

Filed under: Paranoia, Politics — Tags: , — martin @ 7:31 pm

Tja, was soll ich sagen? Seit ich Twitter benutze, ist hier wirklich der Hund begraben. Der Zwiespalt in mir, hinsichtlich meiner Online-Aktivitäten, ist dabei nicht gerade kleiner, sondern umso größer geworden.

Auf der einen Seite finde ich es massiv schlecht, nicht mit meinem Namen für meine Meinung in der Öffentlichkeit zu stehen. Auf der anderen Seite habe ich nach wie vor gewaltige Angst davor, für irgendeine impulsiv gemachte Meinungsäußerung abgeschossen zu werden, sei es durch Abmahnung, oder durch das Andichten eines Straftatsbestands.

Wenn ich mir meine alten Blogposts aus der Zeit von 2003 bis 2007 anschaue, macht mich das regelrecht traurig. So schön “unschuldig” wie damals wird es nie mehr werden. Es ist seit 2003 ja auch viel passiert: Die CDU ist drangekommen, Vorratsdatenspeicherung, Zensurerleichtungsgesetz, ein Klima, das von reichlich Angst geprägt ist, und das nicht nur im Netz, sondern z.T. auch im richtigen Leben in der Außenwelt. Das hätte vor nur 5 Jahren wirklich niemand gedacht.

Die Frage ist, was kommt als nächstes? Lohnt es sich, am anonymisierten Internet in Gestalt von I2P oder Freenet zu arbeiten, oder wird das gleich als nächstes unter Strafe gestellt? Muß man damit rechnen, unter Kinderpornoverdacht die Bude durchsucht zu bekommen, weil man an einem Anonymisierungsnetz teilgenommen hat? Und wenn nicht heute, wann dann?

Freund P. hat Anfang der 1990er zu mir gesagt, daß er glaubt, daß dieses neumodische “Internet” eines Tages zu einem Einwegmedium mit Rückkanal verkommen wird. Und ich glaube, er wird recht behalten, denn Einzelpersonen mit ihren Meinungen und Beiträgen sind hier zwar von den “Peers” gefragt, aber von staatlicher Seite nicht mehr erwünscht.

Mit der Umgestaltung des Internet zum bürgerrechtsfreien Raum geht die Erwartung einher, daß man das Netz brav zum Bestellen von Konsumgütern und konsumieren der Produkte des professionellen, gleichgeschalteten Qualitätsjournalismus benutzen soll, aber nicht, um eigene Inhalte zu verbreiten. Das fängt bereits bei den mageren “Uploadraten” der DSL-Provider an und setzt sich fort in den juristischen Fallen, die an jeder Ecke im Netz lauern. Und zu all dem spricht die blonde Frau auf den Bildschirm vom Internet als rechtsfreiem Chaosraum, der endlich mal reguliert werden sollte.

Das Internet, in das ich 1995 meine erste Homepage raufgeladen habe, ist unterdessen irgendwo in der Zeit zwischen Otto Schily und Jörg Tauss sanft entschlafen. Friede seiner Asche.

Aber auch die Mailboxnetze, in denen ich Anfang der 1990er aktiv war, werden nur noch von einer handvoll beinharter Freaks am Leben gehalten. So beschränke ich mich im Moment aufs Abwarten, was wohl als nächstes kommt. Es wäre schön, wenn wir wieder ein Kommunikationsmedium bekämen, auf das man sich mit Haut und Haaren einlassen kann, ohne sich hinter anonymen Bloghostern und Hotmail-Adressen verstecken zu müssen.

Hoffentlich lohnt sich das Warten irgendwann.

(Vielversprechend finde ich derzeit den Mesh-/Freifunkbereich, aber hier im ländlichen Raum bleibt so etwas wohl auf Jahrzehnte eine Utopie.)

Es wird an dieser Stelle auch in Zukunft noch Blogposts geben, keine Angst. Aber der Vision, mit dem Netz in der Hand irgendwas in der Welt verändern zu können, gebe ich mich nicht mehr hin.

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