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April 17, 2009

Internetfilterung in Deutschland

Filed under: Politics — Tags: , , — martin @ 7:26 pm

Diesen Artikel hatte ich eigentlich für eine Lokalzeitung geschrieben. Ich habe ihn trotz der durch Konjunktiv und Verwendung der dritten Person erfolgten Distanzierung nicht veröffentlicht. Als jemand, der kleine Kinder und verschlüsselte Festplatten hat, muß man heutzutage gut aufpassen, was man sagt, und was die Leute einem deshalb andichten könnten. Auch wenn hier nichts geschrieben steht, was meine Leser nicht ohnehin schon wissen, ist der Artikel hiermit zur beliebigen Verwendung unter eurem eigenem Namen freigegeben.

Internetfilterung in Deutschland

Am heutigen Freitag wurden vom Bundesfamilienministerium mit mehreren großen deutschen Internetanbietern Vereinbarungen zur Filterung von Internetzugängen abgeschlossen.

Für Ministerin Ursula von der Leyen handelt es sich beim Abschluß der Vereinbarungen um einen großen Durchbruch. Die beteiligten Anbieter sollen auf dieser Basis den Zugang zu Webseiten sperren, auf denen kinderpornographische Darstellungen angeboten werden. Zu diesem Zweck wird den Internetanbietern vom Bundeskriminalamt eine Sperrliste zur Verfügung gestellt.

Die Einführung dieser Filtermaßnahmen wurde im Vorfeld von Technikern, Datenschützern und auch Opfern heftig kritisiert. Die Kritikpunkte waren dabei vielfältig. Die Filterung könnte etwa mit einfachsten Mitteln umgangen werden und sei somit in der Realität wirkungslos.

Kritisiert wurde weiterhin, daß Sperrlisten, die trotz Geheimhaltung an die Öffentlichkeit gedrungen waren, zum großen Teil auf Server verwiesen, die in Deutschland und den europäischen Nachbarländern betrieben werden. Die sollten an Stelle von Sperrungen besser direkt selbst vom Netz genommen werden. Mit den nun in Umsetzung befindlichen Filtermaßnahmen würde das Problem lediglich ausgeblendet, aber effektiv nichts zu einer Lösung beigetragen.

Des weiteren sei zu befürchten, daß die nun vereinbarte Filterregelung als Vehikel genutzt werden könnte, über das etwa die finanzstarke Medienindustrie die Sperrung des Zugangs zu Webseiten betreiben könnte, durch die sie ihre Rechte verletzt sieht. Letztlich könnte über die Filterregelung auch der Zugang zu politisch kritischen Seiten, wie etwa von Globalisierungsgegnern, gesperrt werden. Dies wäre eine beträchtliche Einschränkung der vom Grundgesetz zugesicherten Meinungsfreiheit.

Sollte es so weit kommen, würde aus dem vermeintlichen Kinderschutzsystem eine Infrastruktur für die Zensur des Internet. Deutschland würde sich damit in bester Gesellschaft von Staaten wie etwa China, Pakistan oder Irak befinden.

Ob es so weit kommt, wie die Kritiker befürchten, wird die Zukunft zeigen. Der heutige Tag könnte sich dabei als Wendepunkt für die Freiheit des Internetzugangs in Deutschland entpuppen.

November 26, 2008

Great Firewall of Germany

Filed under: Paranoia — Tags: — martin @ 7:13 am

Kinderporno-Seiten sperren, um Kinder zu schützen. Das ist so ungefähr das lächerlichste, was ich jemals gehört habe.

Wenn ich mir allein schon core.onion (wurde scheinbar kürzlich umgebaut) oder Toogle ansehe, bekomme ich Panikattacken, daß ich aus versehen den falschen Link anklicken könnte. Wenn ich mir die Foren auf irgendwelchen Hidden-Tor-Servern anschaue, könnte ich kotzen, wie die Perversen sich gegenseitig Legitimation für ihre kranken Hirne zusprechen.

Mit anderen Worten: Diese Filterung kann keinerlei Effekt haben. Und ich bin sicher, die Bundesregierung weiß das. Wirkliche Erfolge, wie z.B. die Festnahme dieses Kanadiers vor einigen Monaten, erfordern Polizeibeamte. Aber jeder Unternehmer weiß, wie die lästigen Personalkosten bisweilen drücken können. Darum zeigt man jetzt mit diesem Filterkram ein wenig Aktionismus, der die allerdümmsten Konsumenten vom Pornosurfen abhält. Kein einziges gequältes Kind wird dadurch geschützt.

Sperrungsverfügungen für Naziseiten (gerade im Moment bin ich in Tor über eine Seite mit Liedern von Nazi-Bands gestolpert), Filter für Kinderpornographie. Für mich steht außer Frage, daß es sich nur um Probeläufe für ein Zensur-Framework handelt, mit dem sich Provider daran gewöhnen sollen, auf Zuruf Seiten zu sperren.

Wer ist als nächstes und übernächstes an der Reihe?

March 13, 2008

Internetzensur im Bundestag – Spurensuche

Filed under: Paranoia — Tags: , , , — martin @ 9:36 pm

In der vergangenen Woche schrieb ich über eine kleine Anfrage der FDP an die Bundesregierung zum Thema Sperrungsverfügungen.

Ich habe – wohlgemerkt nicht als einziger – bei der FDP-Fraktion nachgefragt und dabei von den netten Damen erfahren, daß Punkt 10 der kleinen Anfrage durch den Artikel “EU will Jugendschutz und Meinungsfreiheit im Netz regeln” von der Newsseite gulli.com(!) motiviert ist, in dem bereits im vergangenen November eine EU-Richtline über die

Schaffung eines “…Standardisierungsinstruments, welches auf EU-Ebene den Schutz von Kindern vor schädlichen Inhalten gewährleistet, wenn diese neue Medien, Dienstleistungen und das Internet nutzen, bei gleichzeitiger Gewährung der Meinungs- und Redefreiheit sowie dem freien Fluss der Informationen”.

angekündigt wurde. Diese solle angeblich sehr bald in Kraft treten.

Ab dem Gulli-Artikel wird die Lage für politische Laien wie mich etwas unübersichtlich. Die Spur führt über einen EDRI(?)-Bericht und endet bei einer “Arbeitsgruppe für Menschenrechte in der Informationsgesellschaft” im Europarat, die das Thema auf ihrer Agenda hat. Auskünfte von Sachverständigen wurden von dieser Arbeitsgruppe auch schon eingeholt.

Selbst wenn die orwellsche Neusprech-Verquickung von “Filtermaßnahmen” und “Informationsfreiheit” unverändert bemerkenswert ist, ist der Europarat kein Organ der Europäischen Union. Somit kann auch nicht die Rede davon sein, daß eine derartige EU-Richtlinie in Vorbereitung ist. Die Bundesregierung hat also in ihrer Antwort auf die kleine Anfrage recht, wenn sie schreibt, ihr sei keine derartige in Vorbereitung befindliche EU-Richtlinie bekannt. (Die insgesamt recht ernüchternde Antwort wurde noch nicht veröffentlicht, Link wird nachgereicht.)

Herzlichen Glückwunsch somit an den Autor von gulli.com, der durch die ausführliche aber nicht ganz fehlerfreie Interpretation seiner Quelle ein lehrbuchmäßiges Gerücht in die Welt gesetzt hat, das es seinerseits bis in die Amtsstuben der Bundesregierung geschafft hat. :-o

Wie wir sehen, sind die Quellen, die Politiker für ihre Meinungsbildung nutzen, nicht immer besser als das, was unsereiner so für bare Münze nimmt. Für mich ist das eine durchaus lehr- und hilfreiche Erfahrung.

March 5, 2008

Internetzensur im Bundestag

Filed under: Paranoia — Tags: , , , — martin @ 8:42 pm

Die FDP-Fraktion im Bundestag hat am 26.02.2008 eine kleine Anfrage (PDF) an die Bundesregierung gestellt, hinsichtlich der Rechtslage bei der Sperrung von Internetseiten. Dabei fällt mir vor allem der folgende Passus auf:

Ist der Bundesregierung bekannt, welche Ziele mit Sperrungsverfügungen verfolgt werden, und beabsichtigt die Bundesregierung, das Recht der Sperrungsverfügungen bundesgesetzlich zu regeln?
[...]
Hält die Bundesregierung die geplante EU-Richtlinie zur „Nutzung und Kontrolle von Filtermaßnahmen, um die volle Wahrnehmung von Rede- und Informationsfreiheit zu gewährleisten“ für geeignet, das angestrebte Ziel zu erreichen?

Holy shit! “Filtermaßnahmen” und “Informationsfreiheit” in einem Satz? Was für ein Orwellsches Sprachgebilde hat die EU denn da in der Pipeline? Da muß ich in den nächsten Tagen nochmal nach Details suchen. (Update: Hier gehts weiter.)

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