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June 15, 2013

Unfair, teilfair, ganz fair?

Filed under: Hardware — Tags: — martin @ 9:36 am

Vor einem halben Jahr auf dem 29. Chaos Communication Congress hatte ich mir unter dem Eindruck des Vortrags “Sind faire Computer möglich?” die Frage gestellt:

Faire Elektronikherstellung ist so unerforscht, dass Hardware schon als Durchbruch gilt, wenn sie nur “teilweise fair” ist. “Teilweise fair”, ob das dann überhaupt noch “fair” ist?

Nun wurde es ernst und gestern endete die Vorverkaufsphase für das damals im Vortrag kurz gezeigte “Fairphone“. Ich habe mir dazu mal die bei Wikipedia auf der Fairphone-Seite verlinkten Presseberichte angeschaut und fand die Sichtweisen, die da gezeigt wurden, ziemlich ernüchternd:

  • Das Smartphone für das gute Gewissen (Hessischer Rundfunk)
  • dieses kleine Ding in seinen Händen, das so gar nicht zum ethisch korrekten Selbstbild passen will (DiePresse.com)
  • politically-correct smartphone (The Register)

Und natürlich wird von den Heise-Kommentarstrategen ohne Unterlass kritisiert, dass es sich nur um ein “teilfaires” Gerät ohne “Fair-Trade-Siegel” handelt, und unterstellt, dass es sich bei der Fairness lediglich um eine Masche der Macher des Projekts handle.

Ich pfeife auf diesen ganzen Kram mit reinem Gewissen, ethisch korrektem Selbstbild und political correctness. Es gibt bis heute kein einziges Stück Hardware auf dem Markt, das zu Bedingungen hergestellt wurde, die man in unserem Verständnis von Zivilisation für annähernd vertretbar halten würde. Von bewaffneten Söldnern bedrohte Kinder kratzen mit bloßen Händen Rohstoffe aus irgendwelchen Drecklöchern in Zentralafrika, in Gegenden, aus denen vorher frei lebende Gorillas verjagt, erschossen und auf den Grill gelegt wurden, und Auftragsfertiger in China haben Fangnetze an ihren Gebäuden, damit sie nicht pro Woche das Blut eines Selbstmörders vom Pflaster schrubben müssen. Wenn mein Gewissen hier eine Rolle spielen würde und ich Angst vorm Fegefeuer hätte, dürfte ich mir die Bude nicht so mit Elektronik vollstopfen, wie sie es schon lange ist.

Die Frage, ob man einfach widerspruchslos hinnehmen und für alle Zeiten akzeptieren will, dass Elektronik unter solchen Bedingungen hergestellt wird, darf man sich aber dennoch stellen.

Wer sich den genannten Vortrag vom 29. C3 (PDF) anschaut, wird erkennen, dass es unglaublich schwer sein wird, an der herrschenden Situation etwas zu ändern. Es gibt für die meisten Materialien schlicht keine auch nur ansatzweise fairen Liefer- und Produktionsketten. Man kann durch die Welt reisen und faire Lieferverträge mit landwirtschaftlichen Genossenschaften abschließen, aber für die gesamte Fertigungstiefe elektronischer Geräte ist das derzeit kaum vorstellbar.

“Teilfair” ist natürlich als ganzes gesehen überhaupt nicht fair. Und es liest sich vollkommen lächerlich, dass gerade mal Tantal, Gold und Zinn für das Fairphone aus Minen mit fairen Arbeitsbedingungen kommen sollen. Und, dass doch wieder in China gefertigt wird, wenn auch zu hoffentlich besseren Arbeitsbedingungen als bei anderen Auftragsfertigern. Und dennoch bleibt am Ende vielleicht ein Fortschritt für die Beteiligten am anderen Ende der Produktion übrig.

Ich habe das Fairphone gestern auf den letzten Drücker der Vorbestellphase bestellt. 9400 Geräte wurden vorbestellt, 20000 sollen fürs erste gebaut werden. Im Herbst soll es kommen und ich bin schon allein gespannt, zu sehen, was in so verschwindend niedrigen Stückzahlen überhaupt auf die Beine gestellt werden kann.

Das Fairphone ist ein ganz kleiner Schritt, und ich kann verstehen, wenn man darüber lächelt. Von einem Fair-Trade-Siegel für Elektronikprodukte scheint die Welt ebenfalls noch weit entfernt. Aber wer den ersten Schritt verdammt, obwohl die Richtung stimmt, beweist damit nicht, dass er das Interesse hat, ihn überhaupt jemals zu gehen. Wer jede Ausbeutung im Elektronikbereich ausschließlich über Nacht beenden will, wird sie niemals beenden.

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