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March 3, 2013

app.net – Die spießige Sehnsucht nach Ruhe

Filed under: Internet — Tags: , , — martin @ 11:47 am

Ich bin ja nicht der älteste, und so habe ich Anfang der 1990er Jahre als armer Schüler und Azubi noch CB-Funk gemacht. Da kaufte man sich Hardware, schraubte die Antenne aufs Haus- oder Autodach und konnte ohne jede Zugangsbeschränkung (die Anmeldepflicht beim Amt war bereits abgeschafft) in die Kommunikation mit anderen einsteigen. Vollkommen anonym übrigens, denn das Ausplaudern von Klarnamen war praktisch geächtet.

So etwa Anfang 1993 habe ich dann von einem Computerflohmarkt ein 2400-Baud-Modem mitgebracht. Ab da ging es ganz schön rund. Von heute betrachtet, ist es fast unvorstellbar, wie schnell sich die Dinge damals für mich weiterentwickelten und änderten.

Zu der Zeit hatte ich schon 10 Jahre in Zeitungen von diesen Mailboxen gelesen, aber jetzt konnte ich mich endlich selbst einwählen. Mein Zuhause waren bald das MausNet, und FidoNet, das damals eben gerade den großen Fido-Putsch hinter sich hatte und in Deutschland in zwei bis aufs Blut verfeindete Netze gespalten war. Das war eine ziemlich gesellige Zeit mit wirklich großen regelmäßigen Mailboxtreffen der beiden MausNet-Mailboxen aus Wiesbaden und der Mailbox aus dem Rhein-Lahn-Kreis, bei der ich FidoNet-Point war.

Nach dem Ende meiner Lehre hatte ich ein Einkommen und bald auch meine eigene FidoNet-Mailbox. Das müßte so Ende 1994 gewesen sein. Der Putsch wirkte noch nach. Es gab zahlungskräftige Mailboxbetreiber, die per Ferngespräch nachts das Routing in andere Länder abwickelten und von den in der Hierarchie unterhalb von ihnen angesiedelten Mailboxen wahlweise Anerkennung oder Geld forderten, eigentlich aber beides. Kürzlich habe ich auf meinem Fileserver die Digitalfotos von einem Treffen in Frankfurt-Bockenheim im Jahr 1995 wiedergefunden, wo es genau um dieses Thema ging.

Parallel hatte ich im Frühjahr 1995 mit Compuserve angefangen. Im “Compuserve Information Manager”, der proprietären Zugangssoftware, hatte man themenbezogene sogenannte “Foren” (etwa: “Deutschland” oder “Filme”), die aus einem Chatbereich, einem Messagebereich und einem Download-Bereich bestanden. In Compuserve herrschte Ruhe. Anders als im nervigen FidoNet gab keine Diskussionen darüber, wer Geber und Nehmer war, sondern alle bezahlten in einer Richtung ihre monatlichen und stündlichen Beiträge an Compuserve und ihre Telefongebühren an die Post.

Nachdem ich per Compuserve die ersten Schritte ins WWW gemacht hatte, tauchte die erste Reklame eines örtlichen ISP auf, bei dem ich Kunde wurde. Das Mailboxthema habe ich dann bald an den Nagel gehängt. Nach den Querelen der FidoNet-Zeit empfand ich es als Erleichterung, die Infrastruktur nicht mehr nach Gutsherrenart vom lokalen Netzfürsten zu bekommen, sondern einfach dafür zu bezahlen. Wie es weiterging, kann man sich ausrechnen: Noch 1995 die erste Homepage, 1996 die erste eigene Domain, bei meinem Arbeitgeber das Internetthema komplett betreut, 1997 selbständig mit meiner eigenen Firma.

Das Social Networking lief in dieser Zeit per Mailinglisten, IRC und Newsgroups. Wer einen Internetzugang hatte, konnte ohne jede Zugangsbeschränkung in die Kommunikation mit anderen einsteigen.

Als es Anfang der 2000er Jahre mit den Blogs losging, dachte ich ernsthaft, wir hätten es geschafft und hätten die öffentliche Meinung im Internet wirklich befreit. Die Grenzen von Mailboxen oder Uni-Rechnern waren gesprengt, jeder konnte frei sein Ding machen und seine Meinung veröffentlichen. Man hatte das Gefühl, richtig was bewegen zu können, aber die realistischeren Mitglieder der Szene wussten ehrlich gesagt immer, dass es außerhalb der “Bloggeria” eigentlich gar keine Anteilnahme an unseren großen Aufregern gab.

Und dann kamen Facebook und vor allem Twitter. Gerade Twitter, am Anfang noch aufgrund seines speziellen Funktionsumfangs belächelt, wurde zum Zentralorgan der engagierten Netzbewohner. Der CB-Funk des Netzes. Wer es schaffte, sich vor einen Rechner mit Internetzugang zu setzen, oder ein Smartphone in die Hand zu nehmen, hatte plötzlich ein weltweites Publikum und konnte ohne Zugangsbeschränkung in die Kommunikation mit anderen einsteigen. Als 2009 das Flugzeug im Hudson gewassert war, stammelte der Nachrichtensprecher in den deutschen Abendnachrichten noch, während die Bilder der geretteten Passagiere bereits seit einer halben Stunde per Twitter um die Welt gingen. Von 2010-2012 rollte eine Welle von Revolutionen  durch Nordafrika, auch getragen durch Twitter und Facebook. 2012 hat Twitter es geschafft, tausende für Occupy und gegen ACTA auf die Straße zu bringen.

Mahnende Stimmen wegen dieser kostenlosen Dienste hatte es schon länger gegeben: “Wenn ihr für das Produkt nichts bezahlt, seid ihr selbst das Produkt.” Ob das stimmt? Es fällt mir schwer, es abschließend zu beurteilen. Aber gerade in 2012 wurden mehrere vermeintlich seriösere, offenere und verteiltere Twitter-Alternativen mit ungeheuer großem Enthusiasmus angekündigt und frenetisch begrüßt, die anschließend in Rekordgeschwindigkeit vergessen wurden. Eine kam durch, und die war weder offen noch verteilt: Das kostenpflichtige app.net will eine vielfältig benutzbare Plattform sein, und kein reiner Dienst fürs Microblogging. Für 3 US-Dollar im Monat schmorten ein halbes Jahr lang die ausgewiesensten Spezialisten für Social Networking im exklusiven eigenen Saft.

Dass app.net mit diesem reinen Bezahlsystem lebensunfähig geboren war, wurde nur von wenigen erkannt, jedoch immerhin von app.net selbst. Und so wurden die Tore Anfang 2013 geöffnet und es durften auch nicht-zahlende Benutzer mitspielen, jedoch nicht ohne Zugangsbeschränkungen, sondern zu bestimmten Bedingungen, die die Möglichkeiten zur Kommunikation mit anderen reglementieren. Das war der Tag, an dem app.net für mich interessant wurde und ich meine 36 US-Dollar für 12 Monate bezahlt habe, um mir die Sache anzuschauen. Gleich nach dem ersten Anmelden war erkennbar, dass diese Freigabe für reichlich Aufruhr bei den zahlenden Usern der ersten Stunde sorgte. Viele waren sichtlich nicht begeistert waren vom Anblick der einfallenden Usermengen. Der Untergang der Diskussionskultur und eine Welle an Fernseh- und Fussballtweets wurden herbeibeschworen.

Viele halten app.net für das nächste große “Ding”, das die Netzwerkkommunikation revolutionieren wird. Ich melde Zweifel an. Und ich habe die Geduld in dem Moment verloren, als ich einen Chat-Dienst auf Basis von app.net gesehen habe. Hier gibt es in der Außenwelt Protokolle wie XMPP und IRC, die bereits für Millionen von Nutzern etabliert sind – teils seit Jahrzehnten – und deren Benutzung jedermann offensteht. Die hier erkennbare Tendenz, sich nach der totalen Offenheit von Twitter in ein geschlossenes Netzwerk zurückziehen zu wollen, um den Anblick des Pöbels nicht mehr ertragen zu müssen, erschreckt mich. App.net ist für mich ein Rückschritt um 20 Jahre, in die abgeriegelte Umgebung von Compuserve. Aus Angst vor der Kränkung, vermeintlich das Produkt zu sein, verkriechen sich vermeintlich erleuchtete Experten in einen kostenpflichtigen privaten Zirkel.

Bereits heute klafft die Schere weit auseinander: Auf Twitter werden Menschenrechtsdemos organisiert, während sich auf dem intellektuell ausgebluteten Facebook schonmal Lynchmobs bilden. Als die erfahrensten Netznutzer müssen wir das verstehen, handeln und Verantwortung übernehmen. Die freie Kommunikation für jedermann muss geschützt werden.

Wie sollen sich ein Schüler aus einfachen Verhältnissen, ein arbeitsloser junger Mensch oder ein Rentner am Rand des Existenzminimums gut vernetzen, wenn alles, wo sie gehört werden würden, app.net mit seinen rigiden Limits für kostenlose User ist? Welcher Sache ist gedient, wenn sich eine selbsternannte netzintellektuelle Oberschicht in ihrem Club einsperrt, vom dem aus die normalen Menschen nicht mehr sichtbar sind? Und selbst wenn kostenlose User mit viel mehr Möglichkeiten ausgestattet werden: Was, wenn ein solcher Bezahlservice pleite geht, oder wir ihm aufgrund der Rechtslage in seinem Land nicht mehr vertrauen können? Ein “Fork” wie er zur Zeit des unseligen Fido-Putsch möglich war, wird dann undenkbar sein.

Jedermann sollte ohne Zugangsbeschränkung mit anderen kommunizieren können. Freie Software für verteilte soziale Netze ist seit Jahren verfügbar und wird aktiv entwickelt. Der Weg zurück in die Steinzeit der sozial undurchlässigen bezahlten Datennetze ist der falsche.

October 24, 2012

Speak multiple languages? Here’s your ruined social web.

Filed under: Internet — Tags: , , , — martin @ 9:43 pm

Here’s my story about how meeting people from another country and learning another language took away from the fun I used to have with my social web.

I’m a public poster. I post publicly. Twitter, Facebook, Google Plus. Most of the time I post in my native tongue, which is German. Only sporadically, I feel that special need to attract international attention. That’s when I post in English. (Except that I usually don’t get the attention I desire.) Posting in German and English is no problem at all. Most Germans know a fair deal of English. At worst, they see my English posts and think I’m just being self-important. Fine. No harm done.

Along comes a business with which I’ve been working since several years ago. With lots of nice people who speak another foreign language. Let’s assume for this blog posting that they are native Russian speakers. Of course they also speak English, and some of them are learning or already know German. I’ve made friends with quite a few of them, and we’re friends on Facebook, have each other in circles at Google Plus and follow each other on Twitter.

Which introduces Russian postings in cyrillic letters into my social web, and German-language ramblings into theirs.

Also along comes the international language Esperanto. On a whim, I started learning it last year. In the Esperanto world, everyone speaks a different language when they are not speaking Esperanto. And of course, although I haven’t met very many Esperanto speakers in person, we are friends on Facebook, we have each other in circles at Google Plus and we follow each other on Twitter.

Which introduces my German-language ramblings into their social web, and introduces Arabian, Chinese, French, Italian, Spanish, Portuguese, Dutch, Slovakian, Farsi, Japanese, Korean, Chinese and Hindi into mine.

The timeline of babel

My heart is really big and I love each one of my Esperanto speaking friends and Russian speaking colleagues very much. Nevertheless, it would be nice if I didn’t have to skip over those strange-language postings all the time. It also would give my social web a neater appearance.

How the others use their social web is beyond my control and judgement. So let’s talk about me instead. While it is impossible to limit the visibility of postings to groups of recipients on Twitter, it is possible to group recipients on Facebook and also on Google Plus. The solution for the language problem is therefore very obvious: Form a group of recipients that understand German. Share German postings only with them. Problem solved.

However, I can’t read my reader’s minds. My relative who doesn’t really know enough English to make it worthwhile looking at an English posting: Should not be in the English group. My colleague from Russia who is secretly learning some German but has haver talked about it: Should not be missing from the German group. My Esperanto friend who is fascinated by postings in damn every language: Should be in all groups. Worst of all: Even if they could ask me to be included in some group, how on earth should they find out that my language-specific groups even exist? There is no way for them. Because all those per-group postings would have to be private.

Oh yes, you say: I could make meta-postings and tell my contacts about how I have those circles and how they can ask to be included in them. Which doesn’t help the introverted guy who doesn’t want to come out about his interest for Esperanto. Not to mention the whole awkwardness of it, and how I would have to try not to forget adding any responder to his requested groups.

Also, this extensive management of privacy leads us back to the following: I’m a public poster. I post publicly.

More clumsy workarounds

So, here’s another workaround: Get multiple accounts – one per language. Speaking of Twitter and only three languages in my case, this is actually not a very bad suggestion. Except that I would have to keep pointing out all the time that I provide more feeds. Which at least partially brings back the awkwardness of asking people to ask to be included in groups. Also, there is no fast switching of Twitter accounts on the Twitter website. Looking at stand-alone Twitter clients, Twitter have created artificial scarcity of API access to it. So keeping around several Twitter clients (desktop, mobile, tablet) with several language accounts in them would be a waste of resources. Also, let’s not talk about how this scales for persons that speak closer to 10 languages. (Hint: It doesn’t.)

Facebook on the other hand, disallows having multiple accounts, so this approach is not feasible at all. Unless you have a really desperate knack for maintaining multiple split personalities.

“We have detected that this posting is in Esperanto…”

Which has me at my current state. Which is that I carefully consider the language I will use for any given posting. English is safe most of the time, but I usually prefer German, and I also want to keep the friendship to my Esperanto friends alive.

Keeping diverse-language activities separated isn’t always simple. A German mailing list here, an English-language forum and an Esperanto newsgroup there. That’s a possibility, but much of this has converged into the big social channels, such as Facebook and Twitter.

Not everyone finds it easy to ignore foreign-language postings in their social web. I’ve read from Esperanto speakers who have taken criticism from their relatives because they posted too much Esperanto. However, and this is what leads me to the conclusion of this lengthy posting, programmatically detecting the language of any text is easy these days.

“…do you want to see more postings in Esperanto? (yes/no)”

What the polyglot social web desperately needs is the capability to filter posts by language. It doesn’t have to be enabled by default. It doesn’t need to be offered for every single posting. Someone who never sees any foreign language anyway doesn’t need to waste precious CPU cycles for detection of the constantly same language.

A user, however, who finds that filtering by language would be useful, should have the ability to configure that only posts in this or that language should be displayed or that posts in that other language should be hidden.

I have seen people practising the one-feed-per-language method on Twitter and even Facebook. It wastes resources and drives people into violating terms of use. Who wants to constantly have his account threatened by cancellation? Feeds not filtered by language are awkward for posters and recipients alike, as well as they waste resources for the social web operator.

So, please, Facebook, Twitter and Google, and those about to build the next big thing: Give us the option to filter the social web by language. It’s going to be your personal contribution to world peace. At least, I hope so.

(Illustration: Tower of Babel by Lucas van Valckenborch, 1594, public domain)

March 14, 2009

Twitter

Filed under: Egoblogging — Tags: — martin @ 7:09 pm

Ich twittere jetzt. Allerdings unter Realname. Beischlaf, ist das kompliziert. 😉

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